6.12.2011

Fair Trade ist gut, Fair Made noch besser

Okay, die Anglisten unter uns drücken jetzt bitte mal ein Auge zu. Und lesen mit dem anderen weiter:

Nikolaus-Schokolade aus fairem Handel.

Gestern im Fair Trade Laden. Als interessierte Kundin frage ich die gut informierte Verkäuferin, wo die Schokolade denn herkäme. Der Dialog ging in etwa so:

Ich: Entschuldigen Sie, woher genau stammt diese Schokolade?

Sie: Die Zutaten kommen aus verschiedenen Ländern, der Kakao etwa aus der Elfenbeinküste. Alle Zutaten sind selbstverständlich aus fairem Handel. Und Bio sowieso.

Ich: Fein. Und wo wird die Schokolade produziert?

Sie: Ja die kommt aus Deutschland. Wissen Sie, da gehts ja auch um Qualität.

Ich: Natürlich.

Sie: Die muss schon unseren Standards entsprechen. Und die ganzen Sorten, also diese Vielfalt, das schaffen wir nur hier.

Ich: Aha.

Sie: Die kennen ja gar nicht unsren Geschmack. Und der Transport, das wäre ja alles viel zu kompliziert.

Ich: Hmhm.

Ich zahle.

Kann es das gewesen sein?

Der Nikolaus kommt bei uns immer in der Nacht zum 6. Dezember. Also lasse ich die Schokolade tapfer in der Tasche und meinen Gedanken freien Lauf. Ich kaufe Fair Trade, nicht nur bei Schokolade. Ich habe auch noch ein paar getrocknete Mangos aus Burkina Faso mitgenommen. Weil ich möchte, dass die Arbeiter auf den Kakaoplantagen vernünftig bezahlt werden. Noch besser fände ich es, wenn die faire Kette danach weiter ginge. Also die Wertschöpfungskette. Bis aus dem Kakao halt die leckere Schokolade wird. Das dauert ja noch ein paar Stufen in der Produktion.

Und in eben dieser Produktion entsteht Arbeit. Wenn ich den Fair Trade Gedanken weiter spinne, sollte diese Arbeit doch ebenso fair bezahlt werden. Fair Made sozusagen. Jetzt gibt es dafür im günstigsten Fall Tarifverträge. In Europa. Da muss der Kakao aber erst mal hin. Geht das wirklich nur hier? Die Mangos werden doch auch in Burkina Faso getrocknet und kommen dann fertig verpackt bei uns an.

Was spricht für oder gegen lokale Produktion?

Jetzt sagen Sie völlig zurecht: Aber Frau Schiller, Sie sind doch selbst dauernd in Afrika. Sie wissen doch, wie es dort aussieht. Meinen Sie nicht auch, dass es ziemlich kompliziert ist, die gleiche Schokolade da unten produzieren zu lassen?

Ja das wäre kompliziert. Aber ist es deswegen unmöglich? Oder gar falsch? Ist es wirklich so undenkbar, eine funktionierende Schokoladenfabrik in der Elfenbeinküste aufzubauen?

Der andere Geschmack?

Vielleicht würde die Schokolade anders schmecken – so what? Allein in unserer Familie hat jeder so seine Favoriten, und wir deshalb mindestens vier verschiedene Sorten im Haus. Vielleicht schmeckt anders sogar gut? Vielleicht ergäbe sich ja eine Sorte für den lokalen Markt? Ich persönlich weigere mich, im Senegal Schokolade aus Frankreich zu kaufen. So fair kann die gar nicht sein. Die lokale Nutella-Konkurrenz schmeckt absolut lecker. Anders, aber lecker. Am besten auf den Krapfen, die die Frauen jeden Tag frisch am Markt ausbacken.

By the way: Ich habe in Afrika schon überzeugend europäisch gegessen, und zu Hause schätze ich vor allem überzeugend authentische afrikanische, indische oder japanische Lokale. Je mehr “original” Afrikaner, Inder oder Japaner dort essen, desto lieber geh ich dort rein. Das geht Ihnen mit Ihrem Lieblings-Italiener, -Thai oder -Argentinier sicher nicht anders.

Die Qualität der Produktion?

Wesentlich entscheidender scheint mir der Einwand der Produktionsqualität zu sein. Allein die Kühlkette. Die muss stehen, keine Frage. Das könnte man mit einer stabilen Stromversorgung und Kühl-Containern auf LKW und Schiff aber hinkriegen.Womit wir bei der Frage der Infrastruktur wären – und einer klassischen Henne-Ei-Debatte: Muss erst die Infrastruktur stehen, und lokale Produktion zieht nach? Oder wächst erst die lokale Produktion und mit ihr die Infrastruktur? Mit anderen Worten: Worauf warten wir?

By the way: Eine stabile Stromversorgung tut nicht nur der Schokolade gut. Das Stromproblem zieht sich durch alle Bereiche: Der Bäcker braucht ihn, der Schreiner braucht ihn, der Händler an der Ecke braucht ihn. Jeder braucht ihn. Ohne Strom keine Entwicklung.

Der Handel, die Händler, der Zoll?

Schlagen wir grad noch den ganz großen Bogen: Wer hat ein Interesse daran, lokal zu produzieren? Und wer nicht? Wer führt lieber Rohstoffe ein, und warum?

So lange es deutlich teurer ist, fertige Schokolade durch den Zoll nach Europa zu holen, als Kakao aus der Elfenbeinküste in Europa zu verarbeiten, so lange spreche ich von Schutzzöllen. Und nicht nur ich.

Was meinen Sie?

Was halten Sie von meinem Gedankengang vom “Fair Trade” zum “Fair Made”? Und welche eigenen Gedanken haben Sie? Würden Sie Schokolade aus der Elfenbeinküste kaufen? Und warum?

Ich bin gespannt! Und genieße in der Zwischenzeit meine Fair Trade Nikolaus-Schokolade.

Ihre

Heidi Schiller

 

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