18.02.2016

Zeit ist ein Wert

Den Spruch “Zeit ist Geld” fand ich schon immer doof. Spätestens seit ich beruflich im Senegal unterwegs bin, habe ich gelernt, dass Zeit ein Wert ist. Jetzt gibt es sogar Zeitpolitik. Warum ich das wichtig finde und worauf es mir dabei besonders ankommt.

Zeitpolitik – eine Luxusdebatte?

“Also mal ehrlich – Zeitpolitik?! Habt ihr sonst keine Probleme, ihr Grünen? Und dafür fährst Du ein Wochenende auf den Bundesparteitag?!” So in etwa reagieren Menschen, die sich in ihrer Freizeit mit anderen Dingen als grüner Politik beschäftigen, auf eines meiner aktuellen Lieblingsthemen. Und es stimmt ja auch so ein bischen: Zeitpolitik klingt sperrig, theoretisch, abgehoben. Eine Debatte für Leute, die viel Zeit haben und damit nix anzufangen wissen. So einigermaßen weit weg vom wirklichen Leben.

Lebenszeit – der pure Luxus!

Dennoch geht es alle an, denn wer beschwert sich nicht über – meist zu wenig – Zeit? Mein persönliches Unwort der “Work-Life-Balance” überspringen wir an der Stelle gleich mal. Als hätte Arbeit nichts mit dem Leben zu tun und es müsste sich gegenseitig ausgleichen.

Daher trifft meines Erachtens auch der Begriff Arbeitszeitpolitik nicht den Kern. Denn hier geht es nicht nur um die Zeit, die man mit Arbeit verbringt. Problematisch sehe ich hier eher die stetige Verdichtung, den Trend zur ewigen Erreichbarkeit, die Erwartung an immer mehr Tempo in Reaktion und Bearbeitung. Fürs Nachdenken fehlt dann auch mal die Zeit. Das klingt nicht nur ungesund, das ist es auch.

Es geht auch nicht allein um Familie – auch Menschen ohne Kinder haben ein Leben neben der Arbeit! Und schon gar nicht gehört die Zeitpolitik in die Frauenecke! Nein, Teilzeit und Familienarbeit betrifft mitnichten nur Frauen.

Mir ist wichtig, Zeit als Wert zu begreifen. Als etwas wertvolles, unwiderbringliches, sehr persönliches. Je nach Phase gibt es unterschiedliche Schwerpunkte und Bedürfnisse, je nachdem, was das Leben gerade so bereit hält, an geplanten, an überraschenden, an schönen, an schweren Dingen. An Begegnungen und Aufgaben, Entdeckungen oder Verlust. Und es sollte möglich sein, seine ganz persönliche Zeiteinteilung  und -bewertung je nach Situation finden zu können.

Zeit fürs Ehrenamt. Und fürs Nichtstun.

In der Freizeit die Fußballmannschaft trainieren, im Stadtteil die Kulturwoche organisieren oder sich in einer Partei oder Bürgerinitiative politisch engagieren – das sind Dinge, für die sich viele Menschen mehr Zeit wünschen, in die sie selbst viel Zeit und Herzblut stecken, und für die manchmal sogar Anerkennung gezollt wird (wenngleich durchaus zu selten).

Versuchen Sie mal, eine Einladung abzulehnen oder einen Abendtermin sausen zu lassen mit der Begründung: Oh tut mir leid, heute kann ich nicht, da mach ich nichts. Wetten, dass alle glauben, Sie hätten doch Zeit? Ich würde mir sehr wünschen, auch mal nichts tun zu dürfen. Ohne Begründung. Ohne eigentlich. Ohne weil. Einfach so.

Politischer Rahmen

Dafür braucht es einen gewissen politischen Rahmen. So flexibel und individuell wie möglich, so bestimmend wie nötig. Erlaubt ist, was gelebt wird. Die Debatte ist noch am Anfang, mögliche Maßnahmen weit weg von vollständig. Vielleicht ist ja gerade das der besondere Wesenszug der Zeitpolitik: Sie muss sich verändern, will sie mit der Zeit gehen. Hier wünsche ich mir eine vielfältige Debatte, offen für neue Denkanstöße, für Unkonventionelles, für Modelle im Baukastenprinzip. Und für die ganze Gesellschaft: für Männer, Frauen und alle *, für Angestellte, Selbständige und Nicht-Erwerbstätige, für Menschen mit und ohne Kinder.

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